Erste Bekanntschaft mit preussischer Disziplin (»Vorwärts immer! Rückwärts nimmer!«) machte ich Mitte der Siebziger in einem grauen Ostberliner Kindergarten.Die Ferienjobs in einer Brauerei im uringoldenen Westen (»Männer wie wir – Wicküler Bier«) waren nicht weniger ernüchternd. Beinahe heimisch fühlte ich mich als Aushilfe bei einem Tanztheater, wäre da nicht die chronisch miesepetrige Namensgeberin gewesen (Pina Busch, oder so ähnlich).
Bei der Deutschen Aidshilfe (»Ohne Dings kein Bums!«) lernte ich, die Sterbebegleitung zu überleben, die wir überforderten Zivildienstleistenden den Betroffenen angedeihen ließen. Und als ich mein Soziologie-Studium begann, hatte ich den legendären Taxischein (»Das ist dein Joker, Junge, als arbeitsloser Akademiker in spe!«) längst in der Tasche.
Irgendwann wusste ich dann, was ich wirklich wollte: Geschichten erzählen. Geschichten von Menschen.
In der Redaktion des betagten Wuppertaler General-Anzeigers sorgte es für Stirnrunzeln, als ich über die zornigen Gewitter der US-Metaller Biohazard schrieb, über die Verlorenheit von Anne Clark und den elegant swingenden LTJ Bukem.
Dann zog es mich in die weite Welt hinaus. Für WDR 5 traf ich in Havanna einen Untergrundbibilothekar, der zensierte Lektüre unter dem Radar verbreitete. Für Caritas International sprach ich in Pakistan mit Muslimen, die vor einer verheerenden Flut fliehen mussten; inmitten eines innermuslimischen Bürgerkrieges. Für das Rolling Stone Magazin reiste ich nach Nicaragua, um von der Wandlung des Daniel Ortega zu berichten, der vom Paulus zum Saulus geworden war: vom sandinistischen Freiheitskämpfer zum autokratischen Mörder.
Es ist ein Privileg. Menschen zu begegnen; mit unterschiedlicher Religion, Weltanschauung und Hautfarbe. Ihre Geschichten zu erzählen; vom Leben und Überleben, von Sehnsüchten und Kämpfen, von Alpträumen und Göttern. Es ist ein Privileg, von ihrer Hoffnung zu zehren, die bekanntlich zuletzt sterben soll. Und manchmal sogar den Tod überwindet.